In den Startlöchern...

Das Team des neuen QM-Gebiets Harzer Straße brennt darauf, mit der Nachbarschaftsarbeit zu beginnen. Yara Pascale Füssel, Hande Gür und Christian Kübler sprechen über ihre neue Aufgabe.

Sie sind in einer seltenen Situation. Es herrscht Aufbruchstimmung, sie möchten mit ihrer Arbeit anfangen und die Bewohner:innen des Harzer Kiezes kennenlernen: Nachbarschaftsarbeit ist Kontaktarbeit. Doch da gibt es ein kleines Hindernis, Bruchteile eines Millimeters groß, das die Welt lahmlegt: das neuartige Coronavirus. In ihrem Quartiersbüro in der Treptower Str. 23 darf das Team deshalb zur Zeit keine Besucher:innen empfangen. Damit es wenigstens eine Anwesenheit vor Ort gibt, wechseln sich Yara, Hande und Christian ab. Wer nicht im Büro ist, arbeitet von zu Hause aus. Allerdings sind Nachbarschaftsarbeit und Home-Office nur bedingt vereinbar. Kennenlernen kann man die drei schon, nur muss man dann mit einem Gespräch auf dem Gehsteig vorlieb nehmen, bis die Pandemie vorüber ist..

Am Anfang war eine Bildungskoordinatorin
Bei allen Dreien ist Begeisterung für die neue Aufgabe zu spüren. Zusammengekommen ist das Team über ihren Träger, die Stadtkümmerei, die weitere QM-Gebiete in Neukölln betreibt. Schon vor dem Entstehen des QM-Gebiets auf beiden Seiten des Treptower Kanals, entlang der Harzer Straße, war Yara Pascale Füssel im Harzer Kiez aktiv. Fünf Jahre lang, von 2016 bis 2020, arbeitete sie selbstständig als Bildungskoordinatorin im Gebiet und koordinierte unter anderem das Bildungsnetzwerk « Harzer Schwung », das über 20 Einrichtungen vereint und das sie nun weiter als Teil der Aufgaben im QM betreut. Durch ihre Arbeit konnte sie die Bedürfnisse des Kiezes verstehen, viele Agierende und Anwohnende kennenlernen. «Das war wie ein Quartiersmanagement light» sagt Füssel, deren Fördermittel nur eine Arbeitszeit von 18 Stunden pro Woche zuließen. «Das kann teilweise schon frustrieren, wenn man überall Bedarfe sieht, aber nicht die Mittel hat, sie zu bearbeiten.»Trotzdem konnte sie viel machen: Kiezfeste für die Nachbarschaft organisieren, Demonstrationen von Mietaktivist:innen unterstützen, Flohmärkte auf die Beine stellen und noch mehr. Für eine soziale Durchmischung seien Flohmärkte ideal, «Menschen lieben Flohmärkte», egal welcher Herkunft und welcher Schicht.

Ein Kiez mit vielen Unterschieden
Dass es im Kiez soziale Unterschiede gibt, ist eindeutig, die Kinderarmut sei hier sehr hoch, bemerkt Füssel, und für Jugendliche gebe es derzeit kein Angebot. Ein Jugendzentrum sei dringend notwendig. Durch kontinuierlichen Kontakt trug sie dazu bei, dass der Bezirk Neukölln den Bedarf, ein Quartiersmanagement im Harzer Kiez einzurichten, im Blick behielt. «Ich habe zielstrebig auf ein QM hingearbeitet» meint die Mittdreißigerin. Jetzt lasse sich die nächsten Jahre, es sind mindestens sieben, vielleicht auch 12, ganz anders arbeiten. Sie sei an ihrem beruflichen Ziel angelangt und identifiziere sich vollends mit der neuen Aufgabe. An der «Work-Life-Balance» müsse sie noch ein bisschen justieren. Englisch spricht sie gerne, sie hat in Großbritannien studiert und fast ein Jahrzehnt dort gelebt. London ist für sie noch ein Stück Heimat, an die Berliner Ruppigkeit hat sie sich zwar gewöhnt, doch etwas «sozialer Schmierstoff» nach englischer Art vermisst sie manchmal. Um zu verstehen, wie sich das Umfeld auf das Verhalten von Menschen auswirkt, ist sie prädestiniert, sie studierte «Environmental Psychology», Umweltpsychologie. Es handelt nicht nur von Umwelt im ökologischen Sinn, sondern auch von der Umgebung, in der sich Menschen bewegen und wie diese auf sie einwirkt. So hat Füssel sich damit beschäftigt, wie unsere Umgebung von der Stadt und dem Kiez - über Gebäude wie Krankenhäuser hin zu Wohnräumen - unsere Identität, unsere Persönlichkeit und unser Befinden beeinflussen.

Verstärkung aus der Flughafenstraße...
Allein arbeiten, das war früher, ab diesem Jahr arbeitet sie im Team mit zwei Kolleg:innen. Dazu gehört Hande Gür, die in Istanbul aufgewachsen ist und seit acht Jahren in Neukölln lebt. Nach einem Stadt- und Regionalplanungs-Studium an der Kunst-Uni der türkischen Metropole absolvierte sie einen Master im «Urban Design» an der TU Berlin, eine Mischung aus Architektur, Landschafts- und Stadtplanung und Soziologie. In ihrer Abschlussarbeit über den Markt am Maybachufer finden sich all diese Disziplinen wieder. Der Maybachufermarkt ist Ausgangspunkt für die Analyse des gesellschaftlichen Diskurses über einen symbolstarken Raum Berlins, in dem sich viel Unterschiedliches berührt und mischt. Sie begleitete dafür den Alltag der Händler, viele Porträts sind in der auf Deutsch verfassten Arbeit zu finden. Darauf ist sie stolz, aber diese Sprachkompetenz hat sie sich hart erkämpft: «Ein Jahr lang habe ich Deutsch gelernt, das war die schlimmste Zeit meines Lebens». Die akademische Arbeit gefiel ihr, sie war Tutorin an der Uni, hätte diesen Weg auch einschlagen können, nur fehlte ihr dabei der Kontakt zu Menschen. Deswegen schaute sie sich vor zwei Jahren nach einer Stelle in einem QM um, mit Erfolg. Sie arbeitete sieben Monate im QM Flughafenstraße und ein Jahr im Kosmosviertel, einer Plattenbau-Siedlung am Rande Berlins, bis man ihr vorschlug, Teil des neuen QM-Teams zu werden. Darüber ist sie sehr froh, das Viertel gefällt ihr, das Team auch, es wäre eigentlich fast alles perfekt: nur konnte man bisher die Einwohner:innen kaum kennenlernen. Das stört sie.

Vom Kosmos- in das Harzer-Viertel
Im Kosmosviertel lernte sie ihren neuen Kollegen Christian Kübler kennen. Der Arbeitsort ist nicht das Einzige, was Hande und Christian gemeinsam haben. Auch er hätte sich nach dem Studium der Islamwissenschaft und Iranistik eine akademische Laufbahn vorstellen können, schlug auch eine Zeit lang diesen Weg ein, stellte aber schnell fest: Er will lieber etwas mit Menschen machen. Auch er guckte sich im Bereich der Quartiersmanagements um und wurde schnell in der Stadtkümmerei fündig. Er arbeitete im Programm Berlin Entwickelt Neue Nachbarschaften und versuchte in Reinickendorf, Alt- mit Neu-Berliner:innen zu verbinden, was aber nicht so einfach war. Die Bewohner:innen seien dort etwas reserviert, weniger offen für neues. Die Arbeit im Kosmosviertel fiel ihm hingegen viel leichter, in der Nachbarschaftsarbeit ist der Quereinsteiger in seinem Element. Seine Russisch-Kenntnisse spielten dabei sicher eine Rolle, das Viertel hat viele Spätaussiedler. Das Büro lag zentral, damals war Corona noch nicht einmal in Alpträumen vorstellbar, die Bewohner:innen schneiten gerne vorbei und besprachen auch oft Privates. Russisch lernte er während seiner Schulzeit in Ost-Berlin, er ist aber ganz offensichtlich ein Sprachtalent. In seinem sechsmonatigen Auslandsemester in Kairo erweiterte er sein in der Uni erlerntes Hoch-Arabisch um den ägyptischen Dialekt. Persisch lernte er während seines Studiums, zu Hause hört er es auch: seine Frau hat afghanische Wurzeln und spricht Farsi mit den Kindern. Sein Englisch sei in Ordnung, er lebte auch ein Jahr im US-Staat Wyoming, im tiefsten «Republikaner-Land», mit Cowboy-Hüten und Pick-Ups. Das war für den damals 16-jährigen sicherlich ein starker Kontrast zu seiner Kindheit in einem DDR-Plattenbau. Jetzt will er Türkisch lernen, was für ein nützlicher Zufall, dass das die Muttersprache seiner neuen Kollegin ist. Kübler versteht und unterstützt die Kontaktbeschränkungen, möchte aber auch endlich mit der Nachbarschaftsarbeit richtig anfangen können.

Drei Menschen, ein Ziel
Alle drei haben unterschiedliche Erfahrungen und Werdegänge, alle drei eint der Wunsch, dass die Bewohner:innen des Kiezes an der Gestaltung ihres Wohnumfeldes mitwirken können. In der QM-Logik sind die Instrumente dafür der Quartiersrat und die Aktionsfondsjury, zwei Gremien, die über die Verwendung der Mittel mitentscheiden. Das langfristige Ziel ist aus dem Viertel eine Einheit zu machen, was sicher nicht leicht wird, denn es umfasst mehrere Planungsräume komplett und schneidet andere an. Zusätzlich wird der Kanal als eine Grenze zwischen zwei Gebieten wahrgenommen, die sich nicht verbunden fühlen. Aber er hat das Potential eine verbindende Ader zu werden, da er in den wärmeren Jahreszeiten ein richtiger Menschenmagnet ist. Aber davor, kurz- und mittelfristig, müssen die Bedürfnisse der Bewohner:innen ermittelt werden, damit sie auch am meisten vom Instrument Quartiersmanagement haben.

Der Kiez ist etwas Besonderes für das QM-Team
Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen den Dreien: Sie alle haben eine besondere Verbindung zu Neukölln und sind froh, hier zu arbeiten. Hande erinnert der Bezirk oft an ihre Geburtsstadt, auch wenn diese weit lebhafter ist und um einiges größer. Christian fühlt sich endlich angekommen, nachdem er mehrere Viertel in Berlin ausprobiert hat. Yara blickt von ihrer Wohnung aus auf den Kanal, der die Mitte des QM-Gebiets darstellt - auf ihrem Balkon frühstückt sie gern mit ihrer Partnerin. Alle drei sind beruflich dort angekommen, wo sie sein wollten. Nur möchten sie nicht nur ankommen, sondern endlich auch loslegen. Hoffentlich schreitet die Impfkampagne so weit fort, dass eine Lockerung der Einschränkungen vertretbar ist. Bis dahin muss das Team des QMs sich in Geduld üben und so viel wie möglich über das Internet erreichen. Was aber niemanden hindern soll, beim QM-Büro vorbeizuschauen, im Gegenteil.