Mit vereinten Kräften gegen Kinderarmut

Mit vereinten Kräften gegen Kinderarmut 

Bei der 2. Neuköllner Armutskonferenz am 27. November tauschten sich Fachkräfte und Verwaltung über ein bedrückendes Thema aus

Die Zahlen sind erschreckend. Während in Deutschland jedes fünfte Kind von Armut betroffen ist und in Berlin jedes vierte, ist es im Bezirk Neukölln jedes dritte. Am stärksten betroffen ist Nord-Neukölln. 40,5 Prozent der Minderjährigen erhielten hier im Jahr 2024 Leistungen nach SGB II (Bürgergeld). Die Zahlen sind allerdings leicht rückläufig.

Für Kitas, Schulen und andere soziale Einrichtungen ist das keine abstrakte Statistik, sondern Teil ihrer täglichen Arbeit: Kinder, die hungrig und ohne vernünftige Winterkleidung erscheinen und Familien, in denen weder Geld für Schulmaterialien noch die 2 Euro für einen Ausflug vorhanden sind. An einen Schreibtisch, gar ein eigenes Zimmer sei nicht zu denken, erklärte die Bezirksjugendstadträtin Sarah Nagel in ihrer Einführungsrede. Ihr Haus hatte die Veranstaltung im neu eröffneten Jungen Tanzhaus organisiert. Nagel betonte, dass die sozialen Träger „großartige Arbeit“ leisten. Aber – und zu diesem Schluss kommt auch der bei der Konferenz vorgestellte 1. Neuköllner Kinderarmutsbericht: um die Armut nachhaltig zu bekämpfen, sind strukturelle und gesetzliche Änderungen auf Landes- und Bundesebene notwendig. „Wir müssen auch über Reichtum reden und über die Frage, welche Prioritäten wir setzen“, erklärte die Jugendstadträtin. „Neukölln hat ganz wundervolle Kinder, aber sie wachsen in sehr belastenden Lebenssituationen auf“, ergänzte Katrin Dettmer, Leiterin des Neuköllner Jugendamtes: „Das ist so viel Potenzial, das verloren geht.“
 

Reiches Land, arme Kinder? 

Der Annahme, dass Bildung das Allheilmittel sei, widersprach Dr. Martyna Linartas, Wissenschaftlerin und Autorin, energisch. „Dass man sich nur genug anstrengen müsste, um den sozialen Aufstieg zu schaffen, ist ein Mythos.“ Es sei wichtig, in Bildung zu investieren, aber das sei nicht die Antwort auf die wachsende Ungleichheit. Ein sozialer Staat lässt Kinder nicht in Armut leben, so die Ungleichheitsforscherin in ihrer leidenschaftlich gehaltenen Eröffnungsrede. Deutschland sei das drittreichste Land der Welt. 20 Milliarden Euro brauche es, um Armut in ganz Deutschland abzuschaffen. Durch mehr Steuergerechtigkeit - Stichwort Erbschafts- und Vermögenssteuer -  sei diese Summe mühelos aufzubringen.
 

Forderungen und Strategien gegen Kinderarmut 

Nach so viel Theorie ging es anschließend in die Niederungen der Praxis. In Arbeitsgruppen diskutierten die rund 100 Teilnehmenden unter anderem darüber, wie sich Armut in der Schulsozialarbeit oder auf die Familienförderung auswirkt. Die Jugendeinrichtungen, Familienberatungsstellen, Kinderfreizeitreffs und so weiter trugen ihre Forderungen zusammen, die in einer gemeinsamen Erklärung mündeten. Die wesentlichen Punkte: kostenlose Bildungsangebote, mehr Personal, eine langfristige Regelfinanzierung und längere Öffnungszeiten. Man könne keine Beziehung zu Familien aufbauen, wenn man nicht weiß, ob im nächsten Jahr noch Gelder bewilligt werden, erklärte eine Mitarbeiterin. Eine weitere Forderung: mehr bezahlbarer Wohnraum für einkommensschwache Familien. Beengte Wohnverhältnisse seien ein großes Problem.
  

Die Scham, arm zu sein

In Neukölln hat sich schon einiges getan. Seit 2012 baut die integrative bezirkliche Strategie auf der Präventionskette auf. Das Ziel: die Hilfesysteme besser miteinander zu vernetzen und Unterstützungsangebote leichter zugänglich zu machen. Viele Familien schämen sich für ihre Armut, daher ist ein armutssensibler Umgang mit den Betroffenen ein wichtiger Baustein. Das wird auch in der 2022 vom Senat beschlossenen landesweiten Strategie gegen Kinderarmut unterstrichen.

Der Neuköllner Kinderarmutsbericht kann hier heruntergeladen werden: https://www.berlin.de/ba-neukoelln/politik-und-verwaltung/aemter/jugendamt/kinderarmutspr-vention-1470274.php