Brücken bauen, Familien stärken

Fotos: Birgit Leiß/Webredaktion

Man sieht sie auf Kiezfesten und Veranstaltungen, wo sie – gut erkennbar an ihrem roten Schal – mit Kindern basteln und Info-Material bereitstellen. Doch ihre eigentliche Arbeit findet bei den Familien zu Hause statt. Hier beraten sie Mütter mit Migrationsgeschichte in ihrer Herkunftssprache, zum Beispiel zum Kitabesuch, zu Gesundheitsthemen oder zum Umgang mit Medien. Bei Bedarf begleiten sie auch zu Arztbesuchen oder vermitteln an andere Stellen weiter. Die gleiche Sprache und die Begegnung auf Augenhöhe sorgen für den erleichterten Zugang. Als Brückenbauerinnen oder Botschafterinnen in ihren Communities werden sie daher oft bezeichnet. 2004 als Modellvorhaben gestartet, genießen sie mittlerweile von allen Seiten Anerkennung und arbeiten eng mit Netzwerkpartnern zusammen. „Unsere Arbeit wird wertgeschätzt, das ist mittlerweile eine ganz andere Form der Zusammenarbeit“, erklärt Leyla Çelik, die beim Träger, dem Diakoniewerk Simeon, Koordinatorin für die Stadtteilmütter in mehreren Neuköllner Quartieren ist.

Unterstützung beim Ankommen in der Gesellschaft

Im Harzer Kiez sind die Stadtteilmütter an verschiedenen Orten aktiv. Zum Beispiel in der Wohnungslosenunterkunft Vita Domus für Familien am Kiehlufer. Jeden Freitagnachmittag warten die Kinder sehnsüchtig darauf, dass die Stadteilmutter Diana und ihre Kolleginnen mit ihnen basteln, Waffeln backen oder ihnen etwas vorlesen. Gemeinsam wird das Opferfest gefeiert, es werden Muttertagsgeschenke gebastelt und Geschichten mit dem selbstgebauten Puppentheater erzählt. Das Angebot werde sehr gut angenommen, berichtet Leyla Çelik. Auch die Eltern kommen mit ihren Fragen – und basteln auch oft mit. In der Kita Treptower Straße von tandem BTL gGmbH waren die Stadtteilmütter lange als Sprachmittlerinnen vor Ort, mittlerweile arbeiten sie eng mit den Sozialpädagog*innen zusammen. Im Begegnungsort an der Hans-Fallada-Schule sind die Stadtteilmütter gleich mit drei Angeboten präsent: einer Sprechstunde auf Rumänisch jeden Mittwoch von 11 bis 13 Uhr, dem Elterncafé jeden Dienstag und einem Kreativnachmittag Donnerstags von 13 bis 16 Uhr. In der Eduard-Mörike-Schule gibt es ebenfalls ein Elterncafé mit den Stadtteilmüttern. Im Gemeinschaftsgartenprojekt P25 haben die Stadtteilmütter ein eigenes Beet, das liebevoll bepflanzt wird. In der Gemeinschaftsparzelle wurden auch gemeinsame Zusammenkünfte mit leckerem Essen organisiert.

Die Baustellen sind die gleichen geblieben

Die Probleme hätten sich leider nicht verbessert, sagt Leyla Çelik: Viele Frauen, vor allem neu Zugewanderte, leben sehr isoliert. Sie stehen ständig unter Druck und müssen funktionieren, das ist eine enorme Belastung.“ Sich mit anderen Frauen auszutauschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, tue vielen gut. Die Stadtteilmütter ermutigen die Frauen, rauszugehen, beispielsweise Deutsch zu lernen oder sich ehrenamtlich zu engagieren.

Aber auch die Projekteilnehmerinnen selber machen eine ganz erstaunliche Entwicklung durch, berichtet Leyla Çelik: „Sie erfahren von der Gesellschaft und in der eigenen Familie viel Wertschätzung, das stärkt ihr Selbstbewusstsein. Die Frauen arbeiten viel selbständiger und sind ganz anders in die Gesellschaft integriert.“ Manche finden den Mut und das Selbstbewusstsein, eine Ausbildung anzufangen, andere beteiligen sich in Gremien wie dem Quartiersrat.

Insgesamt 83 Stadtteilmütter gibt es derzeit in Neukölln. Sie waren vorher arbeitslos und erhalten zunächst eine sechsmonatige Qualifizierung. Die Maßnahme ist auf fünf Jahre befristet und wird über das Jobcenter finanziert. 51 Teilnehmerinnen wurden bislang im Anschluss daran vom Diakoniewerk Simeon fest angestellt.

Vom Modellprojekt zur Erfolgsgeschichte

Das Projekt hat 2020 eine langfristig gesicherte Finanzierung durch den Senat erhalten. Bis heute haben die Stadtteilmütter über 17 000 Neuköllner Familien beraten – übrigens längst nicht nur auf Türkisch und Arabisch, sondern auch auf Ukrainisch, Urdu, Romanesk und vielen weiteren Sprachen. Für Bildungseinrichtungen und Stadtteilinstitutionen sind sie von unschätzbarem Wert. Das Projekt hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten und wurde mehrfach evaluiert. Der Erfolg lässt sich in Zahlen messen, beispielsweise im häufigeren Kitabesuch.