Gerechte Bildungschancen für alle
Über 40 Fachkräfte aus den drei Grundschulen, den 13 Kitas, der Oberschule und den vielen außerschulischen Bildungseinrichtungen im Harzer Kiez sowie aus dem Bezirksamt Neukölln kamen im Guttemplerhaus in der Wildenbruchstraße 80 zusammen. „Wir erhoffen und von der Bildungskonferenz, dass die Bildungsakteure noch näher zusammenrücken“, sagte Quartiersmanagerin Vanessa Machowetz zur Begrüßung. „Wir wünschen uns auch Anregungen für neue Bildungsprojekte“, ergänzte ihre Kollegin Sarah König.
Im Harzer Kiez haben viele Kinder und Jugendliche schwierige Startbedingungen. An den Schulen haben rund 80 Prozent eine nicht-deutsche Herkunftssprache. Familien wohnen oft beengt und haben finanzielle Schwierigkeiten, so dass die Unterstützung der Kinder zu Hause erschwert ist.
Austausch und Vernetzung
Organisiert wurde die Bildungskonferenz von Jenny Howald und Anette Nägele vom Team Bildung in Bewegung und dem Quartiersmanagement Harzer Straße. Für den fachlichen Input wurden Fachleute aus der Bildungswissenschaft und aus der Bildungsvermittlung eingeladen. Neuköllns Stadträtin für Bildung, Kultur und Sport, Janine Wolter, betonte in ihrem Grußwort: „Bildung schafft Resilienz und Zukunftsperspektiven.“ Besonders wichtig seien Sprachentwicklung und Medienkompetenz. Neben klaren Zuständigkeiten bei den verantwortlichen Ämtern und den Bildungsträgern brauche es eine Vernetzung der Akteure. „Es ist so wichtig, darüber in den Austausch zu kommen“, so Wolter.
Kevin Schreiber, aktiv im Kinder- und Jugendparlament Neukölln, schilderte die Lage aus Sicht der Schülerinnen und Schüler. Allgemein werden Mädchen in naturwissenschaftlichen Fächern oft unterschätzt, Jungen hingegen häufig als störend empfunden. Kinder aus ärmeren Familien werden benachteiligt, weil sie zum Beispiel keine digitalen Endgeräte haben oder sich die Teilnahme an Klassenfahrten oder Nachhilfeangeboten nicht leisten können. „Haben alle die gleichen Chancen? Ein dickes Nein“, folgert Kevin Schreiber. Das Kinder- und Jugendparlament fordert unter anderem die Bereitstellung von digitalen Endgeräten für alle, kostenfreies Mittagessen und Bibliotheken an allen Schulen.
Ungleiches ungleich behandeln
Über Chancengerechtigkeit sprach auch Reina-Maria Nerlich vom Verein Duvia (Demokratie und Vielfalt in Aktion). Auch wenn auf dem Papier alle die gleichen Chancen haben, ist das deutsche Bildungssystem noch nicht gerecht. „Die Herkunft bestimmt den Bildungsweg, nicht ausschließlich die Leistung“, stellte Reina-Maria Nerlich fest. „Nicht nur die Bildungswege, sondern auch die Zukunftschancen werden so beeinflusst.“ Um zu gerechten Chancen zu kommen, muss man Kinder mit schlechteren Voraussetzungen mehr unterstützen. „Ungleiches muss man ungleich behandeln“, so die Bildungswissenschaftlerin. Barrieren sollten abgebaut und Ressourcen gezielt dorthin gelenkt werden, wo der Bedarf am größten ist. „Wir müssen lernen, ‚Talent‘ anders zu lesen“, erklärte Nerlich. „Um als Gesellschaft bestehen zu können, brauchen wir jeden jungen Menschen.“
Anschließend ging es für die Teilnehmenden in die Arbeits- und Austauschphase. Man verteilte sich in kleinen Gruppen auf fünf Workshops, um jeweils ein Thema zu diskutieren: Wie kann man die Sprachentwicklung fördern? Welche Konzepte gibt es zur Gewaltprävention? Wie kann man die Eltern besser einbeziehen? Was kann man zur Armutssensibilisierung tun? Und wie stärken wir die Medienkompetenz?
Vom Campus Rütli lernen
Am zweiten Tag ging es ebenso intensiv weiter. Zunächst erläuterte die Erziehungswissenschaftlerin Anika Duveneck von der Freien Universität Berlin, wie wichtig die Zusammenarbeit im Bildungsbereich ist. Zwischen den verschiedenen Bildungsträgern und den getrennten Zuständigkeiten tun sich Lücken auf. Die Lebenswelten vieler Menschen werden durch diese Strukturen nicht berücksichtigt. „Dadurch entstehen Benachteiligungen“, so Duveneck.
Ihr Positiv-Beispiel ist der Campus Rütli, über den sie ihre Doktor-Arbeit geschrieben hat. Dort wurden in einem gemeinsamen Kraftakt verschiedene Bildungs-, Sozial- und Jugendeinrichtungen an einem Ort zusammengezogen und zur engen Kooperation ermuntert. „Die Bereitschaft der einzelnen Beteiligten, sich aufeinander einzulassen, war die Grundlage für das Gelingen“, berichtete Anika Duveneck. „Um dahin zu kommen, war es ein langer Weg.“ So mussten auch ganz banale Fragen geklärt werden: Wer ist für die gemeinsame Nutzung des Schulhofes verantwortlich und wer putzt die gemeinschaftlich genutzte Küche? Das Ziel ist am Campus Rütli noch nicht erreicht. „Aber es will auch niemand mehr zum alten Zustand zurück“, so Duveneck.
Dass im Harzer Kiez die Bildungsbeteiligten nun über gemeinsame Lösungen diskutieren, ist für sie „von substanzieller Bedeutung“. Sie appellierte: „Setzen Sie sich hohe Ziele! Den Herausforderungen des Harzer Kiezes ist das angemessen.“
Vielfältige Anregungen
Zum Abschluss der Konferenz wurden die Ergebnisse dreier Workshops vom Vortag noch einmal vertieft. Der Blick richtete sich besonders darauf, was die einzelnen Einrichtungen udn Träger konkret tun können, was das Netzwerk „Harzer Schwung“ dazu beitragen kann und welche Projektidee ab nächstem Jahr in einem Projekt des Quartiersmanagements umgesetzt werden könnte.
Für die Elternarbeit wurden niedrigschwellige Begegnungsmöglichkeiten ohne Sprachbarrieren vorgeschlagen – bei möglichst beiläufigen Gelegenheiten oder auch an neutralen Orten, auch die zusätzliche Sensibilisierung der Fachkräfte wurde vorgeschlagen. Zur Verbesserung der Sprachentwicklung haben die Teilnehmenden angeregt, Kindern Bücher und Schreibmaterialien zu schenken sowie Theater- und Musikaufführungen zu veranstalten. Unter den Ideen zur Gewaltprävention waren die Ausbildung von Konfliktlotsinnen und -lotsen an allen Schulen, ein Projekt „Medien und Spiel“ mit den Games, die die Kinder von sich aus spielen, und regelmäßige Boxangebote zum Auspowern.
Nach zwei Tagen Konferenz kamen also viele Anregungen und Ideen zusammen für das hohe Ziel, jedem jungen Menschen im Harzer Kiez die besten Bildungschancen zu eröffnen.
Webredaktion















