48 Stunden Neukölln: Kunst im Harzer Kiez

Illumination auf dem Warmwassertank des FHW

Videokunst von Mahir Duman auf dem Wassertank des FHW

Film von Alessa Müller im K-Fetisch

Film "Creatures of Life" von Alessa Müller im K-Fetisch

Bilder von Marc Leppin im Biergarten der Berliner Berg Brauerei

Bilder von Marc Leppin im Biergarten der Berliner Berg Brauerei

DJ Ipec und Videokünstler Mahir Duman

DJ Ipec und Videokünstler Mahir Duman

Fotoausstellung im Workish

Fotoausstellung im Workish, Harzer Straße

Installation im Endorphina

Installation im Endorphina in der Elsenstraße

Gemälde von Orlandeo im K-Fetisch

Gemälde von Orlandeo im K-Fetisch in der Wildenbruchstraße

Das Format 48 Stunden Neukölln gibt es seit 1999. Im ersten Jahr wurde an 25 Standorten zeitgenössische Kunst gezeigt, mittlerweile sind es 300 Orte, das Festival hat sich zum größten Kunstevent Berlins entwickelt. Auch wenn es sich in den Jahren stark verändert hat, als roter Faden zieht sich immer noch der Anspruch durch das Programm, dass Kunst auch an Orten gezeigt wird, an denen sie sonst nicht zu finden ist. Man sieht Ausstellungen in Kneipen, Performances auf Brücken oder Installationen in Parks. Auf diese Art kommen auch Menschen mit Kunst in Kontakt, die eine Galerieschwellenangst haben oder bei denen es aus anderen Gründen wenig Berührungspunkte mit moderner Kunst gibt.

Im Harzer Kiez haben sich dieses Jahr unter anderem das K-Fetisch, die Berliner Berg Brauerei, das Endorphina, der Coworking-Space Workish und das Fernheizkraftwerk Neukölln am Festival beteiligt.

 

Porträtfilm im K-Fetisch

Die Kneipe "K-Fetisch" Ecke Wildenbruch-/Weserstraße wird üblicherweise von jüngerem, internationalem Publikum besucht, die Einrichtung ist bunt zusammengewürfelt, auf den Regalen steht politische Literatur. Während der 48 Stunden Neukölln zeigt das K-Fetisch im Gastraum Zeichnungen von Sascha Jakubenko und Gemälde von Orlando. Es sind nicht viele, aber eindrucksvolle Bilder. Haupt-Act im K-Fetisch ist aber der Film "Creatures of Life" von Alessa Müller, der im Nebenraum läuft. Die Filmemacherin hat drei Performer*innen aus der Berliner Drag-Szene porträtiert. In ruhigen Bildern erzählt der Film über die Wandlungen, die Selbstwahrnehmungen und Motivationen der drei Performar*innen, die in Berlin ihre Heimat und ihre Bühne gefunden haben. Eine Gelegenheit mit Alessa Müller zu sprechen, ergibt sich im K-Fetisch leider nicht, "the artist is not here, she is in holidays", erklärt die Frau hinterm Tresen.

 

Stadt- und Lanschaftsansichten im Biergarten der Berliner Berg Brauerei

Anders verhält es sich im Biergarten der Berliner Berg Brauerei in der Treptower Straße. Der Fotograf Marc Leppin sitzt am Freitag Abend mit ein paar Freund*innen an einem Tisch, an der Wand dahinter hängen seine großformatigen Bilder. Es sind digitale Collagen von Stadtansichten und Landschaften: Eine Waldsilhouette wird gespiegelt, eine Luftaufnahme der Havel so verfremdet, dass der Fluss im Kreis fließt. Besonders eindrucksvoll ist ein Bild von Marzahner Hochhäusern, die Leppin an einem einzigen Tag fotografiert und zu einem leicht nebligen Stadtpanorama zusammengefügt hat. Es sei seine erste Ausstellung, erzählt der Landschaftsarchitekt, die Bilder habe er extra für 48 Stunden Neukölln drucken lassen. Den Kontakt zur Berliner Berg Brauerei hatte das Kulturnetzwerk Neukölln vermittelt, das die 48 Stunden organisiert. Leppin hatte sich für das Festival beworben, das Kulturnetzwerk hat ihm anschließend eine Liste möglicher Ausstellungsorten geschickt. "Der erste Ort war gleich ein Treffer", so Leppin.

 

Analoge Verfremdungen im Workish.Berlin

Fotografische Verfremdungen sind auch im Keller des "Workish.Berlin" in der Harzer Straße zu sehen. Im Kellergang ist es eng, aber angesichts des schwülen Wetters am Samstag angenehm kühl. Die zwölf ausgestellten Fotograf*innen haben sich nicht beworben, sondern wurden von der Kuratorin Helin Bereket eingeladen. Wie Leppin spielen die Künstler*innen mit der Wahrnehmung, verwenden aber überwiegend traditionelle Überblendungstechniken der analogen Fotografie, um neue Ansichten zu komponieren.

Weil das Workish ein Coworking-Space ist, in dem viele verschiedene Menschen unterschiedliche Dinge tun, kann man während der 48 Stunden Neukölln noch an einer Maschine mitbasteln, die irgendwann selbst Kunst produzieren soll. Im Garten steigt der derweil das Sommerfest des Workish. Eigentlich, erzählt ein Mitarbeiter, würde man das alljährliche Fest zur Sommersonnenwende am 21. Juni feiern, aber weil es gut gepasst habe, hätte man es um eine Woche auf die 48 Stunden Neukölln verschoben.

 

Wow-Effekt im Endorphina

Um die Ecke vom Workish in der Elsenstraße liegt das Café und die Biobäckerei Endorphina. Der große Hof, in dem das Endorphina seine Räume hat, erinnert an das Berlin der 1990er-Jahre. Die Fassaden sind unsaniert, das große Dach über den Tischen im Hof steht auf rostfarbenen Metallsäulen. Im Endorphina läuft während der 48 Stunden Neukölln ein riesiges Programm. Unter anderem hängen gemalte Porträts an einem Zaun, im Kelleraufgang sind weiße Masken drapiert und im Hof kann man Karten mit dem Titel "Wertekampf: Demokratie auf dem Spiel" spielen. Gegen Abend dann findet eine halbstündige Theateraufführung der Gruppe "Shakespeare2Go" statt. Das Drei-Personen-Stück "Utherow oder Glaub" ist eine szenische Lesung über die unterschiedlichen Wahrheiten, die Menschen mit Erinnerungen verbinden. Die Schauspielerinnen müssen sich stimmlich anstrengen, sie reden ohne Mikrofon und im Endorphina-Hof ist viel los. Katharina Rottmann, die Gründerin von Endorphina, hat alle Hände voll zu tun. "Über den Tag verteilt sind bestimmt 300 Leute hier vorbeigekommen, viele zum ersten Mal. Die hatten so einen richtigen Wow-Effekt, als sie den Hof gesehen haben."

 

Videokunst auf dem Warmwassertank des FHW

Ins Staunen kommen schließlich auch die Zuschauer*innen, die sich am Freitag- und Samstagabend vorm Fernheizkraftwerk Neukölln (FHW) am Weigandufer einfinden. Der Neuköllner Künstler Mahir Duman projiziert nach Einbruch der Dunkelheit eine Filmcollage auf den gigantischen Warmwassertank des FHW. Thema der Projektion ist die Entstehung des Lebens und die zentrale Bedeutung von Wasser. Begleitet wird Duman von DJ Ipek, einer Ikone der elektronischen Musikszene in Berlin. Für Ipek ist die Zusammenarbeit eine Rollenumkehr: Während normalerweise die Videoproduzenten in Clubs Bilder zur Musik kreieren, läuft es am Weigandufer andersherum, Ipek mixt ihre Musik nach den Bildern auf dem Tank.

Unter den Zuschauer*innen ist auch Hédi Körmendi, die im FHW für die Kommunikation zuständig ist. Schon länger, erzählt sie, habe sich das FHW an den 48 Stunden nicht nur als Sponsor, sondern auch als Austragungsort beteiligen wollen. Das Problem: Auf dem Gelände selbst darf aus Sicherheitsgründen keine öffentliche Aktion stattfinden. "Ich hatte dann die Idee, mit einer Lichtinstallation zu arbeiten", so Körmendi. Es sei ein glücklicher Zufall gewesen, dass sich dieses Jahr mit Mahir Duman ein Künstler bei den 48 Stunden beworben habe, der ein solches Projekt umsetzen konnte. In der sonst wenig belebten Ecke wird die Projektion zum Publikumsmagneten: Neben Besucher*innen, die gezielt kommen, bleiben auch immer wieder Menschen stehen, die zufällig vorbei spazieren oder in der Nachbarschaft wohnen.

 

Text/Fotos: Webredaktion, M. Hühn, 2025