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Früher im Viertel: Die Eröffnung des Teltow-Kanals vor 115 Jahren

Für Kanal und Kaiser

Die Wasserader im Harzer Kiez ist heute ein Erholungsort, früher war es eine betriebsame Verkehrsader. Der Teltow-Kanal war für die Entwicklung Berlins ein Wundermittel: Entlang des Ufers entstanden neue Wohn- und Industriegebiete. Er war so bedeutend, dass sogar der Kaiser ihn einweihte.

Heute sieht man auf dem Kanal gelegentlich Paddler:Innen, manchmal kleine Boote, doch vor hundert Jahren hießen Kanäle nicht umsonst Wasserstraßen. Auf ihnen wurde der Großteil des Güterverkehrs abgewickelt, Kanäle waren kein Ort der Ruhe wie heute, sondern regen Betriebs.

40 Jahre von der Idee bis zur Umsetzung

Der Teltow-Kanal war seit 1860 im Gespräch, aber bis zum ersten Spatenstich vergingen 40 Jahre. Der Süden Berlins war damals sumpfig, jeder Starkregen brachte Überschwemmungen. Die Spree war so stark befahren, dass Schiffe sich oft an den Schleusen Berlins stauten. Ein Kanal würde die Innenstadt entlasten, den Schiffverkehr beschleunigen, die südlichen Vororte entwässern und sie für Wohnen und Gewerbe erschließen. Doch damit die Idee Wirklichkeit wurde, brauchte es einen umsetzungsfreudigen Menschen. Das war Ernst von Stubenrauch, genauer Ernst Leberecht Hugo Colmar von Stubenrauch.

Ein Kanal braucht Entschlossenheit

Sein stechender Blick auf Porträts, der heute etwas übertrieben wirkt, lässt keinen Zweifel: Stubenrauch sah sich als Anpacker. Beliebt war er auch noch, denn er verteidigte die kleinen Leute. Als Landrat von Teltow erließ er eine Bauordnung zum Schutz von Mietenden. Die einflussreiche Bauwirtschaft intervenierte beim Kaiser, der kurzerhand Stubenrauch entließ. Doch wenige Wochen später setzte der Teltower Kreistag Stubenrauch wieder ein, seine Bauordnung blieb erhalten. Den Kaiser in die Schranken zu weisen war ein Beleg für Stubenrauchs Durchsetzungskraft. Er war Jurist, wirkte als Richter und Polizeipräsident Potsdams und kämpfte im deutsch-französischen Krieg.

Straßen, Krankenhäuser und Türme

Stubenrauch war auch ein Anpacker: In seiner Amtszeit entstanden 300 Kilometer Straßen, zahlreiche Krankenhäuser, sogar den Grunewald-Turm zog er hoch. Sein größtes Projekt sollte jedoch der Teltow-Kanal werden, der in knapp 38 Kilometern die Havel bei Potsdam mit der Dahme zwischen Köpenick und Grünau verbindet. Dazwischen fließt er, von West nach Ost, durch Zehlendorf, Lichterfelde, Tempelhof und dem heutigen Neukölln.

Selten für Berlin: Ein Millionenprojekt ohne nennenswerte Verzögerung

Die Arbeiten fingen Ende 1900 an und dauerten knapp sechs Jahre. Bei Kleinmachnow entstand die einzige Schleuse, als Verlauf nutzte man die Flussbetten der Bäke, der Lanke und der Telte, die weitgehend verschwinden würden. Am 2. Juni 1906 war es soweit: Der Kanal wurde eingeweiht, die Verzögerung betrug nur wenige Monate, das Budget von 48 Millionen Goldmark war kaum überschritten. Umgerechnet wären das heute rund 330 Millionen Euro.

Ein Kanal für kaiserliche Öffentlichtkeitsarbeit

Für die Einweihung wählte der Kaiser die Binnenyacht Alexandria, eine Art PR-Schiff mit großzügigem Flachdach. Dort stand Wilhelm II. gerne und oft in Begleitung anderer gekrönter Häupter, oder Staatsleute, und tuckerte majestätisch durch Berlin. Die Untertanen sollten einen guten Blick auf die hohen Damen und Herren erhalten. Die Kaiseryacht endete weniger glamourös: 1964 wurde sie an eine Kiesbaggerei in Belgrad verkauft. Wer über die Alexandria mehr wissen will, es ihr ist ein ganzes Buch gewidmet, hier verlinkt.

Wohn- und Gewerbegebiete entlang des Verlaufs

Der Teltow-Kanal war ein umfassendes Infrastrukturprojekt: An seinen Ufern entstanden Industrie-Gebiete und Wohnungsbauten. Das erklärt die sich abwechselnden Wohn- und Gewerbegebiete im Harzer Kiez entlang des Kanals. Ab der Treptower Straße, an der sich das QM-Büro befindet, beginnt ein Gewerbegebiet, das bis zum S-Bahn-Ring und darüberhinaus reicht. Bei der Teilung Berlins blieb der Kanal 20 Jahre gesperrt, heute ist er eine Bundeswasserstraße der Klasse IV und Eigentum des Bundes.


Vom Kanal zum Adelstitel

Der Dank, den Stubenrauch erhielt, zeugt von der Bedeutung des Kanals: Er wurde geadelt und zum Polizeipräsidenten Berlins ernannt, zur Kaiserzeit besondere Ehrungen. Stubenrauch starb 1908, sein Vermächtnis, der Teltow-Kanal, bleibt bis heute. An ihn und an die Yacht-Tour des Kaisers durch Neukölln erinnert man sich kaum noch. Eigentlich verdienen Stadtentwickler wie Stubenrauch, die fern der Öffentlichkeit viel für Berlin bewirkten, in Erinnerung zu bleiben.

 

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